Puente la Reina – Villatuerta

Tag 6, 13. Juni 2023

Als ich nachts mal raus muß, die Leiter runter klettere und auf dem Boden zu stehen komme, sinke förmlich in mich zusammen vor Schmerzen. Es fühlt sich an, als würde ich in ein Nadelkissen treten, so sehr brennen meine Fußsohlen. Ich kann mich nur plattfüßig in kleinen Schritten und in gebeugter Haltung fortbewegen und bemerke, dass ich gut in das Zimmer mit den älteren Herrschaften passe. Übrigens schnarcht tatsächlich niemand im Raum, was ich bei dieser Belegung nicht gedacht hätte. Einer der Männer schläft jedoch mit einer CPAP Maske, die ganze Nacht macht das Gerät komische Pfeifgeräusche. Irgendwas ist ja immer.

Um halb sieben sitze ich alleine am Tisch in diesem riesigen Saal und warte auf mein Frühstück. Der Wirt sitzt hinter dem Tresen und rührt sich nicht. Er beginnt erst sich zu kümmern, als ich ihm mein Frühstücksticket präsentiere. Hat wohl vergessen, daß ich gestern Abend ein Ticket bei ihm gekauft habe. Ist auch schwer zu behalten bei fünf Leuten. Schliesslich stellt er wortlos ein Tablett mit zwei Scheiben Toast, Kaffe, Orangensaft, Butter und Konfitüre auf den Tresen und setzt sich wieder hin. Ich darf mir mein Frühstück selber abholen.

Puente la Reina

Ich verlasse die Herberge eine halbe Stunde später. Als ich gerade den Hügel runter laufe, sehe ich just in dem Moment den nervigen Richard über die Flussbrücke kommen. Ich verharre in Schockstarre und hoffe, daß er mich nicht sieht, aber es ist bereits zu spät. Seine Zahnspange blitzt unter seinem breiten Grinsen, als er mir seine Ghettofaust zur Begrüßung entgegen streckt. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als eine Weile neben ihm her zu laufen, und tatsächlich wird daraus eine ganze Stunde. Richard ist eigentlich ein feiner Kerl, nur halt sehr laut und irgendwie auffällig, irgendwas stimmt nicht mit ihm. Schliesslich erkläre ich ihm, daß ich ab jetzt langsamer laufen werde, weil ich nicht möchte, daß meine Po Schmerzen wieder kommen. Tun sie auch nicht, stattdessen sind es heute die Füße. Es ist schon seltsam, da laufe ich etliche Touren mit diesen Wanderschuhen, und nie habe ich Probleme mit ihnen gehabt. Jetzt bekomme ich plötzlich Blasen und schmerzende Füße. Das kann nur am Rucksack liegen, am Humpeln und an den geschwollenen Füßen durch die vielen Kilometer jeden Tag und an allem zusammen. 

Nach einem höllischen Anstieg kurz vor Mañeru, spricht mich von hinten eine Frau an und fragt ob ich Deutsche sei. Offensichtlich hat sie die zwei kleinen Flaggen entdeckt, die ich mir in Pamplona für meinen Rucksack gekauft habe, eine Deutsche und eine Britische.
»Bist du Stef?«, will sie wissen. Ist ja lustig, sie sagt, Andrew habe ihr von mir erzählt. Die Frau heißt Marion, ist auch Deutsche, lebt aber in Colorado, USA, wo sie bei der Armee war und jetzt Krankenschwester ist. Zusammen verarzten wir unsere Füße auf einem kleinen Hügel hinter dem Dorf, und Marion gibt mir etwas Schafwolle, die in die Socken auf die noch nicht aufgeplatzte Blase gelegt werden soll, als Polster sozusagen. Sie schwört darauf und meint, das wirke besser als jedes Blasenpflaster. Und ja, die Schafwolle ist wirklich toll, sie nimmt einen erheblichen Druck von der Blase. Gegen meine Po Schmerzen hilft sie leider nicht. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich kann erneut nur noch humpeln. Ich bin verzweifelt. Es ist so schön zu wandern, aber unter solchen Umständen macht das alles keinen Spaß. 

Kleine Wunder


Die Sonne brennt, und irgendwann geschehen seltsame Sachen. Sachen, die viele wohl als Camino Wunder bezeichnen würden. Zum Beispiel habe ich überlegt, wo ich noch mehr Schafwolle her kriegen könnte. Manchmal hängt etwas Wolle im Stacheldraht, was passiert, wenn ein Schaf zu nah daran vorbei geht. Aber hier sind keine Schafe, schon lange nicht mehr. Und als ich so darüber nachdenke, sehe ich einen Wegweiser an einem Holzpfahl. Und oben an der Spitze steckt zwischen Pfahl und Schild ein Stück Schafwolle. Als würde ich meinen Augen nicht trauen, gehe ich langsam daran vorbei, bleibe dann aber stehen, drehe mich um uns stelle fest, da klemmt ja wirklich Schafwolle. Wie kommt die da oben hin? Ich rupfe mir ein Stück ab und bedanke mich. Merkwürdig.

Kurz darauf höre ich ein Geräusch, das so klingt, als würde jemand einen kleinen Stein ins Wasser schmeißen, oder wie ein Frosch, der ins Wasser springt. Hier ist aber gar kein Wasser. Nach der Sache mit der Schafwolle denke ich sofort, das muss Gott sein. Gott ist tatsächlich überall auf dem Jakobsweg, wie alle sagen, und jetzt will ER mir was mitteilen. Soll ich vielleicht mehr trinken? Da! Schon wieder! Was ist das nur? Ich höre es eine Stunde später dann noch zwei Mal, ganz nah an meinem Ohr. Ich verstehe es nicht. Dieses platschige Plopp stimuliert meinen Wunsch nach etwas kühlem, etwas, das meinen wehen Füßen gut tut. Ich denke daran, wie schön es jetzt wäre, meine geschwollenen Füße in einen eiskalten Bach zu halten. So sage ich irgendwann, »Bitte lieber Gott, man sagt doch, der Weg gibt dir, was du brauchst. Ich brauchte Schafwolle, die habe ich jetzt. Gerne hätte ich jetzt auch kaltes Wasser für meine geschundenen Füße.«
Es dauert nicht mehr als zehn Sekunden, da höre ich das Rauschen eines Flusses neben mir. Träume ich das jetzt? Und ich denke, wenn da wirklich ein Fluss ist, kommt da jetzt auch vielleicht eine Brücke, an der ich ans Ufer runter komme? Es ist unfassbar, aber kurz darauf überquere ich den Río Salado über eine kleine Steinbrücke, und direkt dahinter gelange ich ans Ufer. Das ist doch total verrückt! Ich kriege gar nicht schnell genug meine Schuhe aus, so sehr sehne ich mich nach diesem kalten Nass. Ich möchte weinen vor Glück, als ich meine Füße ein das eiskalte Wasser eintauche. Für immer und ewig möchte hier sitzen, und ich bleibe auch tatsächlich so lange, bis meine Füße taub sind, dann reiße ich mich zusammen und zwänge sie zurück in meine Boots.

Dieser Clip zeigt das Örtchen Cirauqui. Lustigerweise ist Richard in diesem Clip zu sehen, er biegt gerade rechts in eine Gasse ab.

In dem Örtchen Lorca esse ich in der Bar einer Herberge eine deftige Gemüsesuppe, die so reichhaltig ist wie Eintopf. Wirklich Hunger habe ich eigentlich gar nicht, aber ich muss das großzügige Angebot ausnutzen und essen was ich kriegen kann. Die Herberge wird von einer Japanerin bewirtschaftet, die mir stilvoll meinen Namen und die Wörter buen camino in japanischen Schriftzeichen neben den Stempel malt.

Kurz hinter Villatuerta kommt auf der linken Seite eine Kapelle aus dem zwölften Jahrhundert, die Ermita de San Miguel Arcángel, die dem Erzengel Michael gewidmet ist. Dahinter ist ein Olivenhain und rundherum Büsche auf einer Wiese mit noch mehr vereinzelten Olivenbäumen und ein paar Tischen und Bänken. Ich finde, daß das der perfekte Platz ist, um mein Zelt aufzuschlagen. Es ist halt nur noch zu früh und auch zu heiß, deshalb gehe ich ins Innere der Kapelle und lege mich auf die Steinbank, da ist es schön still und kühl. 

Vadim

Ein junger Mann mit dunklem längerem Haar und Vollbart scheint sich hier auch niederlassen zu wollen. Ich sehe ihn draußen auf einer Bank am Tisch sitzen und lesen, seinen Rucksack hat er in der Kapelle abgestellt. Irgendwann kommt er angehumpelt und erzählt mir, daß er seinen Fuß ausruhen muß und hier schlafen würde. Ich frage ihn nach seinen Namen und wo er herkommt, aber sein Englisch ist sehr schlecht, und so muß ich mir seine Wörter sinnvoll zusammenreimen, und zwar so: Sein Name ist Vadim. Er ist Pole, lebt aber in Deutschland, genauer gesagt in Baden Baden, von wo aus er auch los gelaufen ist. Seine Mutter ist Russin und sein Vater Ukrainer, eine denkbar unglückliche Kombination. Später erfahre ich, daß beide Elternteile gestorben sind. Jetzt ist Vadim auf dem Weg nach Santiago de Compostela, weil er »gerufen« wurde, wie er sagt. Er schläft immer nur in Kirchen oder Ruinen, weil er sich dort sicher und geborgen fühlt. Ein echter Pilger dieser Vadim.

Mir wird die Kapelle dann irgendwann doch zu kalt und auch zu hart, deshalb beschließe ich mein Zelt jetzt schon aufzuschlagen, außer Vadim ist ja niemand hier. Mit dem starken Wind hier oben ist das Aufbauen allerdings eine echte Herausforderung, und da das Zelt so federleicht ist, fliegt es mir fast davon. Die Heringe halten nur schlecht in dem harten Boden, aber am Ende habe ich mein Heim fixiert und hieve all mein Zeug hinein. Jetzt kann es in keinem Fall mehr weg fliegen. 

Immerzu muss ich an Vadim denken. Er hatte zuvor erwähnt, dass er gleich einkaufen gehen würde, was er aber nicht getan hat. Habe ich ihn falsch verstanden? Hat er vielleicht gehofft, daß ich einkaufen gehe, weil sein Fuß verletzt ist? Ob er Hunger hat? Ich bekomme ein komisches Gefühl, und da fällt mir mein halbes Käsebrot ein, das ich noch übrig habe. Ich esse es eh nicht mehr, ich möchte überhaupt nie mehr Brot essen. Schließlich gehe ich damit rüber zur Kapelle, wo ich Vadim auf seiner Luftmatratze in einer Ecke kauernd auf der Bank finde. Sofort steht er auf, als ich ihm mein Käsebrot geben will, aber er möchte es nicht annehmen. Er sagt, er habe genug zu essen und hält mir eine Plastiktüte voller Kuchen und Keksen entgegen. Er zeigt mir stolz was er alles hat und bietet mir von allem überschwänglich an.
»Hier, ich habe Kakao. Kennst du Kakao?« fragt er und hält mir eine Flasche entgegen. Drollig, als würde ich keinen Kakao kennen. Ich nehme einen Schluck, denn es kommt mir so vor als würde ich ihn verletzen, sollte ich seine Großzügigkeit zurückweisen. Also war dieses ganze Einkaufsgespräch wohl so gemeint, daß er bereits einkaufen war und mir einfach was abgeben wollte. Ich bekomme ein Stück Kuchen und einen Reispudding von ihm, im Gegenzug lasse ich ihm mein Käsebrot da, ob er will oder nicht. Ich könne doch auch hier schlafen, schlägt er vor, aber ich bin ganz froh da draußen in meinem Zelt, obwohl es bestimmt ein Abenteuer gewesen wäre und eine ganz neue Erfahrung.
Ein seltsamer Typ dieser Vadim. Aber ich fühle mich sicher mit ihm da drüben in der Kapelle. Es ist beruhigend zu wissen, daß da noch jemand in der Nähe ist.

Am Zelt schlecke ich den Reispudding wie ein Hund aus dem Plastikbecher, ich habe keine Lust meinen Löffel zu suchen. Ich bin so unglaublich müde. Plötzlich höre ich jemanden. Ein junger Franzose hat die gleiche Idee wie ich und möchte sich hier für die Nacht niederlassen. 
»Hier ist ja schon jemand, ich hatte die gleiche Idee«, sagt er lachend, als er mein Zelt hinter dem Busch entdeckt, den er sich aus der Ferne ausgesucht hat. Ich stecke meinen Kopf raus und begrüße meinen neuen Nachbarn, der jetzt sein Zelt ein Stückchen weiter hinter einem anderen Busch aufschlägt. Ach, ist das schön, jetzt bin ich erst recht nicht mehr alleine. Und es dauert nicht lange, da kommt der Franzose zurück zu mir, setzt sich an mein Zelt und möchte auch sein Essen mit mir teilen. Er hat eine ziemlich deftige Wurst vom Metzger mitgebracht, die er mit seinem Taschenmesser in kleine Stücke schneidet und in der aufgerissenen Tüte vor uns ausbreitet. Dazu gibt es Brot und Knoblauchzehen. Ich finde die Idee so großartig und so gemütlich, aber mir ist überhaupt nicht nach essen zumute. Aus Höflichkeit esse ich ein Stück Wurst und eine Knoblauchzehe. Noch nie zuvor habe ich eine ganze Knoblauchzehe einfach so gegessen, wie scharf das ist!
»Das gibt keinen ungewollten Besuch«, lacht der Franzose, dessen Name ich bedauerlicherweise vergessen habe. Aber er ist ein lustiger Naturbursche, der mir so vorkommt, als könne ihn gar nichts erschüttern. Wir unterhalten uns prima, über den Camino mit all seinen kleinen Wundern, dem Glauben und das Leben. Eigentlich fehlt jetzt nur eine Flasche Wein und ein Lagerfeuer, dann wäre es perfekt.

Strecke: 19 km / Schritte: 31421

Bei Minute 7:45 kommt die Kirche auf der linken Seite, wo heute Nacht mein Zelt steht. Der Clip geht weiter bis nach Estella, da komme ich allerdings erst morgen hin…

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert