{"id":4436,"date":"2023-07-12T23:03:00","date_gmt":"2023-07-12T21:03:00","guid":{"rendered":"https:\/\/steffi-luka.de\/?p=4436"},"modified":"2026-01-20T11:28:52","modified_gmt":"2026-01-20T10:28:52","slug":"o-pedrouzo-santiago-de-compostela","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/steffi-luka.de\/en\/o-pedrouzo-santiago-de-compostela\/","title":{"rendered":"O Pedrouzo &#8211; Santiago de Compostela"},"content":{"rendered":"<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Tag 35, 12. Juli 2023<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich laufe durch die Dunkelheit. Es sind nur noch neunzehn Kilometer bis Santiago de Compostela, ein gro\u00dfer Tag. Ausgerechnet jetzt muss ich direkt zu Beginn durch einen Wald. Der Schein meiner Kopflampe leuchtet nur einen kleinen Radius des Bodens vor mir ab, ansonsten sehe ich die Hand vor Augen nicht. Erfreulicherweise gehen etwa hundert Meter weiter zwei Pilger, dessen Lichtkegel ihrer Taschenlampen mich erahnen lassen wie der Weg verl\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist seltsam, heute bin ich weder wehm\u00fctig noch traurig, ich will einfach nur noch ankommen. Zur Feier des Tages beginnt es auch noch zu regnen, und es sieht nicht so aus als w\u00fcrde es jemals wieder aufh\u00f6ren. Zweimal kehre ich ein um etwas zu trinken und zu essen und mir meine Stempel abzuholen, ansonsten laufe ich weiter. Mein Kopf ist wie vernebelt. Ich kann einfach nicht glauben, da\u00df mein gro\u00dfes Abenteuer heute enden soll.&nbsp;<br>Schlie\u00dflich erreiche ich die ersten Ausl\u00e4ufer von Santiago de Compostela. Die Menschen werden mehr, trotz des Regens, Pilger hingegen sehe ich immer weniger, und auch Wegweiser und gelbe Pfeile gibt es kaum noch. Aber dann erkenne ich den ersten Turm der Kathedrale \u00fcber die nassen Hausd\u00e4cher heraus ragen. Ich bin immer noch nicht emotional.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich vernehme Dudelsack Musik. Da vorne muss der <em>Plaza del Obradoiro <\/em>sein, der gro\u00dfe Platz vor der Kathedrale. Ich bin da!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurz bevor ich aber auf dem Platz einlaufen und den Moment in mich aufsaugen kann, sehe ich Vadim. Er mu\u00df unmittelbar vor mir angekommen sein, denn ich erkenne Angela, wie sie auf ihn zu geht um ihn offenbar zu begr\u00fc\u00dfen, doch Vadims Gestik verr\u00e4t, da\u00df ihm alles andere als reden zumute ist, denn er rudert sich regelrecht mit den Armen frei und will scheinbar nur auf dem Platz ankommen. \u00bbIch kann nicht, ich kann nicht!\u00ab soll er unter Schluchzen gesagt haben.&nbsp;<br>Angela sieht jetzt auch mich und kommt l\u00e4chelnd auf mich zu. Prompt steht auch der wedelnde Manfred vor mir, aber ich ignoriere ihn ungewollt, zu viel prescht gerade auf mich ein. Ich m\u00f6chte erst offiziell auf dem Platz ankommen, das obligatorische Foto mit dem Motiv \u00bbStolzer-Pilger-nach-Ankunft-mit-Kathedrale-im-Hintergrund\u00ab machen und begreifen, da\u00df ich es geschafft habe und der Weg hier und jetzt zu Ende ist.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/steffi-luka.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/jak35-santiago-ich-vor-kathedrale.jpg\" target=\"_blank\" rel=\" noreferrer noopener\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/steffi-luka.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/jak35-santiago-ich-vor-kathedrale-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4442\" style=\"aspect-ratio:0.7500147223367293;object-fit:cover;width:500px\" srcset=\"https:\/\/steffi-luka.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/jak35-santiago-ich-vor-kathedrale-768x1024.jpg 768w, https:\/\/steffi-luka.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/jak35-santiago-ich-vor-kathedrale-225x300.jpg 225w, https:\/\/steffi-luka.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/jak35-santiago-ich-vor-kathedrale.jpg 900w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist 10:20 Uhr, als eine junge Deutsche f\u00fcr mich das Foto von mir in meinem gelben Mickey Mouse Poncho vor der ber\u00fchmten Kathedrale von Santiago de Compostela macht. Der Platz wirkt zu dieser fr\u00fchen Stunde und aufgrund des schlechten Wetters wie leer gefegt. Erst viel sp\u00e4ter kommen immer mehr Pilger dazu. Sie lachen, weinen, knien nieder, sei es aus Demut oder weil sie ersch\u00f6pft sind oder beides, sie beten, sie fallen sich in die Arme oder stehen einfach nur da und schauen in die Richtung der Kathedrale. Letzteres trifft auf mich zu. Ich bin gl\u00fccklich und stolz, aber auch extrem wehm\u00fctig. Gleichzeitig freue ich mich auf die n\u00e4chsten paar Tage, in denen ich hoffentlich das ein oder andere bekannte Gesicht wiedersehen werde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich erspare dem Leser die Prozedur, die jeder Pilger ab hier durchlaufen mu\u00df, der seine Compostela erhalten m\u00f6chte. Ich wette, einem Vadim ist dieses Dokument ziemlich egal, bestimmt hat unterwegs er erst gar keine Stempel gesammelt.<br>Nur so kurz: Ich registriere mich im Pilgerb\u00fcro an einem Computer und werde direkt von einem netten Mann empfangen, der mir handsch\u00fcttelnd gratuliert und mir besagte Urkunde ausstellt, nachdem er sich meine Stempel genauestens angesehen und mir so einige Fragen gestellt hat.&nbsp;<br>Um 12:00 Uhr besuche ich mit Angela die Pilgermesse in der Kathedrale. Schon beim Einlass ersp\u00e4he ich den \u00bbBotafumeiru\u00ab, das ber\u00fchmte und gr\u00f6\u00dfte Weihrauchfass der Welt, welches besonders bei festlichen Gottesdiensten an bestimmten Feiertagen zum Einsatz kommt, aber auch wenn Gruppen von Pilgern oder andere Besucher bereit f\u00fcr eine Spende in H\u00f6he von rund 500 Euro sind.<br>Der 1,50 Meter hohe Botafumeiru, zu Deutsch <em>Rauchspender<\/em>, ist um die 80 Kilogramm schwer, wovon Kohle und Weihrauch allein 40 Kilo wiegen. Um das Fass in Schwung zu bringen, ziehen acht M\u00e4nner, die sogenannten \u00bbTiraboleiros\u00ab, mit vollen Kr\u00e4ften an einem 28 Meter langen, an der Decke des Querschiffs h\u00e4ngendem Seil. Dabei kann das Fass eine Geschwindigkeit von bis zu 70 Kilometern pro Stunde erreichen und in 20 Metern H\u00f6he durch die Kathedrale schwingen. Die Tradition reicht bis ins Mittelalter zur\u00fcck. Es wird gemunkelt, da\u00df der Weihrauch urspr\u00fcnglich dazu diente, den unangenehmen Geruch der Pilger zu \u00fcberdecken, die nach Santiago kamen. Letztendlich war es aber wohl immer schon die symbolische Bedeutung, die der Weihrauch auch heute noch im Christentum hat, n\u00e4mlich die der Gebete, die zu Gott aufsteigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf auf einer Empore steht ein Solist und gibt seinen sakralen Gesang zum Besten, w\u00e4hrend im Hintergrund die aus dem 13. Jahrhundert stammende vergoldete Statue des heiligen Jakobus \u00fcber dem Hochaltar im Sekundentakt von Pilgern und anderen Besuchern umarmt und gek\u00fcsst wird. Die Pilger bedanken sich mit dieser Tradition f\u00fcr eine erfolgreiche Pilgerreise oder um Segen zu erbitten, alle anderen Besucher tun es ihnen nach. Der \u00dcberlieferung nach befindet sich unterhalb der Statue die Krypta mit den \u00dcberresten des Apostels sowie die seiner J\u00fcnger Athanasius und Theodoros.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich ist die Messe auf Spanisch, und ich verstehe kein Wort. Trotzdem ist es wundersch\u00f6n. Ich empfange sogar die heilige Kommunion, das habe ich schon ewig nicht mehr gemacht. Und dann passiert etwas, womit wohl keiner gerechnet hat. Irgendjemand mu\u00df 500 Euro gezahlt haben, denn pl\u00f6tzlich wird der Botafumeiru herunter gelassen und die Tiraboleiros machen sich daran, das Weihrauchfass in Schwingung zu bringen. Schnell erreicht es an H\u00f6he und schwingt schlie\u00dflich durch das Seitenschiff, majest\u00e4tisch und prunkvoll, untermalt mit dramatischer Kirchenmusik. Das alles ist sehr bewegend und ein besonderer Moment mehr, den ich augenblicklich gerne mit allen Menschen dieser Welt teilen w\u00fcrde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe title=\"Botafumeiro\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/7mCgZzmDM7o?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><figcaption class=\"wp-element-caption\">Der Botafumeiro kommt zum Einsatz<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich denke, ich bin jetzt an einem Punkt angelangt, an dem ich kein Tagebuch in dem Sinne mehr schreiben m\u00f6chte. Ich habe erreicht was ich erreichen wollte, alles weitere ist eher zweitrangig, wenn auch wichtig, n\u00e4mlich eine Vielzahl meiner Camino Begegnungen noch einmal zu sehen, allen vorweg nat\u00fcrlich Andrew. Und als ich mich so frage ob mir das wohl gelingt, springt er mich f\u00f6rmlich von hinten an und grinst so breit wie vor f\u00fcnf Wochen, als er mir zum ersten Mal am Bahnhof in Bayonne begegnet. Jetzt ist alles gut, denke ich, jetzt kann ich nach Hause fahren. Ich treffe auch auf Holly aus Leeds, die ich tot glaubte nach dem Gewitter in Atapuerca. Sp\u00e4ter werde ich dann auch noch Flo wiedersehen, sowie Aki, Roly und Lukasz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich verbringe die Nacht mit Angela in einem sch\u00f6nen Hotel direkt in der Altstadt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Strecke: 19,5 km \/ Schritte: 36363<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe title=\"#33 O Pedrouzo \u2013 Santiago de Compostela | full \u00e9tape | Camino Franc\u00e9s\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/_-I3CWjaZas?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-large-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Die Tage danach<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Morgen fahre ich mit dem Bus in die neunzig Kilometer entfernte kleine K\u00fcstenstadt Finisterra, dem sogenannten <em>Ende der Welt<\/em>. Ich bin sehr emotional und weine viel. Es ist der Abschied von Andrew und Angela und dem Jakobsweg. Ich wei\u00df gar nicht wie ich wieder in die Realit\u00e4t finden soll. Die Alltagsrealit\u00e4t meine ich. Das hier ist ja auch real, aber dann irgendwie auch nicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich telefoniere mit David, der mir traurig erz\u00e4hlt, da\u00df sein Morris 1000 auf der Autobahn verreckt ist und er deshalb eine Hochzeitsfahrt nicht umsetzen konnte, f\u00fcr die er vor langer Zeit gebucht wurde. Nur aus diesem Grund konnte er nicht in Santiago sein, um mich zu empfangen, was mich zun\u00e4chst traurig machte. Im Nachhinein, mal abgesehen von dem materiellen Schaden des Oldtimers, war es gut, dass David nicht da war. Er h\u00e4tte nicht in diesen Moment gepasst und mich zu prompt in meine wirkliche Welt zur\u00fcck geholt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Tag meiner Heimreise f\u00fchle ich mich unendlich fremd am Flughafen in Santiago de Compostela. Ich sitze am Gate und bin noch l\u00e4ngst nicht an dem Punkt, an dem ich realisiere was ich gerade erlebt habe. Ich frage mich, ob diese Reise etwas in mir ver\u00e4ndert hat, aber das werde ich wohl erst viel sp\u00e4ter wissen. Im Augenblick w\u00fcsste ich jedenfalls nichts was mir auf dem Weg klar geworden sein sollte, das mir vorher noch nicht klar war. Aber an das Gef\u00fchl, das ich in mir habe wenn ich mir mein vollendetes Mosaik anschaue, so bunt und prachtvoll, so schwerelos und frei, werde ich mich mein Leben lang erinnern.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large\"><a href=\"https:\/\/steffi-luka.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/jak35-fisterra-meer.jpg\" target=\"_blank\" rel=\" noreferrer noopener\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/steffi-luka.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/jak35-fisterra-meer-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4440\" srcset=\"https:\/\/steffi-luka.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/jak35-fisterra-meer-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/steffi-luka.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/jak35-fisterra-meer-300x169.jpg 300w, https:\/\/steffi-luka.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/jak35-fisterra-meer-768x432.jpg 768w, https:\/\/steffi-luka.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/jak35-fisterra-meer.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/steffi-luka.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/jak35-fisterra-ich-kreuz.jpg\" target=\"_blank\" rel=\" noreferrer noopener\"><img decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/steffi-luka.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/jak35-fisterra-ich-kreuz-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4439\" style=\"width:500px\" srcset=\"https:\/\/steffi-luka.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/jak35-fisterra-ich-kreuz-768x1024.jpg 768w, https:\/\/steffi-luka.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/jak35-fisterra-ich-kreuz-225x300.jpg 225w, https:\/\/steffi-luka.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/jak35-fisterra-ich-kreuz.jpg 900w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tag 35, 12. 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