Tag 8, Ruhetag, 15. Juni 2023
Ich habe immer noch Durchfall wie verrückt, aber ich fühle mich nicht mehr so ausgelaugt. Ich gehe sogar nachmittags einmal zu einem nahegelegenen Supermarkt, um Kekse, eine Nudelsuppe und Limonade zu kaufen und um meinen Kreislauf etwas in Schwung zu bringen.
Ich bin traurig. Der Jakobsweg ist so ganz anders, als ich mir vorgestellt habe. Natürlich waren da bisher auch schöne Tage und Momente, aber das Allgemeingefühl ist eher düster. Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll, aber in etwa so wie ein Mosaik, von dem ich hauptsächlich die weniger schönen Teile habe, diese zusammenlege und mir anschaue. Das Gesamtbild gefällt mir nicht und das damit einhergehende Empfinden. Das fürchterliche Essen und meine Schmerzen tragen einen nicht unwesentlichen Teil dazu bei.
Ich habe Heimweh und telefoniere mit David. Das macht es aber nur noch schlimmer, und ich male mir aus wie schön es jetzt zu Hause in England wäre. Ich sehe unseren sonnigen Garten, in dem David mit dem gelben Gartenschlauch die Pflanzen wässert. Bob, den streunenden Kater, der immer zu uns kommt, wie er vor der Tür sitzt und wartet, daß wir ihn füttern. Ich sehe meine Wohnung in Herne und stelle mir vor, wie ich jetzt in einer Decke eingewickelt auf dem Sofa liege und Netflix Serien gucke, eine nach der anderen. So gerne hätte ich jetzt Zuspruch von jemandem, der an meinem Bett sitzt und mir Tee kocht. Ich sehne mich nach Geborgenheit in einer vertrauten Umgebung, in der man meine Sprache versteht. Dabei ertappe ich mich, wie ich in mein Navigationsgerät den Weg von London nach Estella eingebe. David würde sechzehn Stunden mit dem Auto brauchen, und da sind Pausen und Staus und alles andere noch nicht mit drin.
Mein Zimmer nervt mich auch, ich möchte mehr Tageslicht haben. Gestern war es mir egal, heute fällt mir die Decke auf den Kopf. Ich muß hier raus!
Abends lässt der Durchfall nach, und ich bete, daß ich morgen weiter laufen kann.

So sad. Wish I had been there for you 😞