Pamplona

Tag 4, Ruhetag, 11. Juni 2023

Es wird hell. Ich pule meine Ohrstöpsel raus und höre ein hallendes Rumoren aus allen Richtungen. Überall wird schon gepackt, in meiner Parzelle schlafen alle noch, der Furzer auch. Ich klettere das Bett runter, hole leise meinen Rucksack hervor und sortiere meine Sachen im Gang. Meine Schmerzen halten sich heute sehr in Grenzen, der Ruhetag wird mir gut tun.

Jetzt sehe ich das ganze Ausmaß des gestrigen Stadtfestes, überall liegt Müll. Einige Leute sind noch übrig geblieben, sie sitzen immer noch da mit ihrem Bierbecher in der Hand. Die Reinigungskräfte sind aber schon vor Ort, und es wird gefegt und geschrubbt was das Zeug hält, um die Altstadt schnell wieder schön zu machen.

Ich frühstücke gerade in einem Café, als Aki textet, dass sie jetzt aus Larisson aufbricht, Andrew sei schon zwanzig Minuten eher los. Demnach müßten sie in etwa drei Stunden hier sein, wenn meine Berechnungen stimmen. So setze ich mich auf eine Mauer am Frankentor und beobachte die Pilger, die nach und nach den Weg hoch kommen.

Eine ziemlich füllige alte Dame kommt langsam mit ihren Wanderstöcken den Weg rauf. Sie läuft dicht an der Stadtmauer im Schatten. So ähnlich muß ich gestern auch hier hoch gekommen sein, nur noch humpelnd obendrein. Ich kenne die Frau flüchtig, habe sie an der Tortilla Theke in der Bar in Zubiri gesehen und kurz mit ihr gesprochen. Ich winke ihr zu und lobe sie für ihren Kampfgeist. Sie kommt zu mir rüber, und wir verfallen in einen netten Plausch. Die Dame heißt Donna und kommt aus Texas. Sie spricht leise mit einem extrem texanischen Akzent, ich habe Schwierigkeiten alles zu verstehen. Ich schätze sie auf achtzig Jahre, mindestens aber fünfundsiebzig. Donna erzählt mir, daß sie zu Hause in einem Wohnwagen lebt und monatlich fünftausend Dollar an Rente bekommt, wovon sie sich schöne Reisen finanziert. Wozu sparen, sagt sie, das Leben sei viel zu aufregend. Und weil sie es sich erlauben kann, fährt sie hier jeden Tag mit einem Taxi in die Nähe ihrer nächsten Destination und wandert das letzte Stück. Ihr Gepäck läßt sie sich vorschicken und wenn sie nicht mehr kann, ruft sie sich einfach wieder ein Taxi. Ich muß glatt heulen vor Rührung, weil ich ihren Mut und ihre Lebenseinstellung so bewundere. So alt und genießt das Leben noch in vollen Zügen, indem sie durch die ganze Welt reist, und das ganz alleine. Dann greift Donna in ihre Tasche und schenkt mir ein kleines Holzkreuz. Das hat sie aus Jerusalem, und es sei gesegnet. Ich muß schon wieder heulen. Was ist denn los mit mir?

Da sehe ich drei Gestalten unten am Weg. Als sie durch das Tor kommen, erkenne ich Andrew und auch Aki, oh, wie ich mich freue! Im Schlepptau haben sie einen etwas dösig drein schauenden jungen Mann mit dunklen Augenrändern und herabhängenden Armen, den Kopf leicht nach unten geneigt. Andrew sagt, das sei Lukasz, den hätten sie gestern Abend aufgegabelt. Ich strecke Lukasz meine Hand entgegen, woraufhin dieser zögernd lächelt und sich auch noch mal persönlich vorstellt. Seltsamer Typ, denke ich. Wenn ich ihn ansehe, muß ich an Mr. Bean denken. Wenn er aber redet, kommt er mir eher vor wie Sheldon Cooper aus der TV Serie The Big Bang Theory.

Andrew, Aki, Lukasz und ich gehen in das Café, in dem ich vorhin schon gefrühstückt habe, Donna möchte gerne noch was einkaufen, gesellt sich aber später auch zu uns und bringt sogar ein paar frisch gebackene Churros mit. Wie ich mich freue über diese Gesellschaft! Schade nur, daß Aki in jedem Fall heute noch weiter will, Andrew kann ich letztendlich davon überzeugen hier zu bleiben.

Es ist bald kurz vor zwölf. Donna geht in ihr Hotel, Aki weiter wandern, und wir anderen warten an der Herberge, daß die Türen aufgehen. Es kommen bald andere Pilger dazu, die Andrew bereits kennt, unter anderem ein gewisser Neill aus Irland und Tobias aus Deutschland. Jetzt ist es mir egal welches Bett ich bekomme, solange ich all diese Leute um mich herum habe. Tatsächlich geht die Bettvergabe der Reihe nach, ein Wunschkonzert ist das hier nicht. So erhalte ich Bett Nummer Eins, Andrew Nummer zwei und so weiter. Diese Betten sind allerdings im Untergeschoß, so daß mir die Sicht auf das schöne Gewölbe heute Abend leider verwehrt bleibt, dabei hatte ich Andrew so davon vorgeschwärmt. Egal, ich bin überglücklich. Andrew ist sogar so nett, und überläßt mir sein unteres Bett, denn Bett Nummer Eins ist mal wieder das obere.

Ich bin mit meinem Telefon mal unseren Korridor entlang gehuscht. Sorry für das Hochformat, der Clip war ursprünglich ein Reel. Bitte zur Vollansicht wechseln.

In den Tag hinein leben

Tobias, Andrew und ich schmeißen unsere Wäsche zusammen und teilen uns einen Waschgang. Ich weiß nicht, aber irgendwie glaube ich haben wir die Maschine nicht richtig bedient. Meine Sachen riechen hinterher alles andere als frisch. Im Nachhinein ganz schön ekelig, wenn ich darüber nachdenke, daß womöglich das Pulver gar nicht mit durch ging, denn da waren auch die Unterhosen der Jungs dabei. Besser nicht weiter drüber nachdenken.

Den Rest des Tages bleiben Andrew, Lukasz, Tobias, Neill und ich zusammen.
Tobias ist ein Extrem-Wanderer Mitte zwanzig. Er ist an seiner Haustür in Franken gestartet und seit zweiundsiebzig Tagen unterwegs. Tobias macht es immer so, daß er morgens noch in der Dunkelheit aufbricht, schnell und weit geht und dann früh in den Herbergen eincheckt. Er sagt, so entginge er der Mittagshitze und kann sich sicher sein noch ein Bett zu bekommen ohne vorher reservieren zu müssen. So machen es übrigens viele Pilger. Für mich persönlich wäre das nichts. Ich möchte den Tag geniessen und auch mal stehen bleiben können ohne Angst zu haben irgendwo zu spät zu kommen.
Über Neill weiß ich eigentlich gar nichts, außer daß er gefühlt mit jedem Satz das Wort fucking sagt. Fucking hier, fucking da, alles ist fucking, wenn auch im positiven Sinne. 
Und dann ist da natürlich Lukasz. Lukasz ist Pole und kommt mir extrem intelligent vor. Er hinterfragt und analysiert alles und läßt ein Thema erst ruhen, wenn es komplett zerlegt ist. Wenn man sich mit ihm unterhält sagt er ganz oft, »Aha, I see, interesting.« Alles ist immer interessant. Dann legt er seine Hand ans Kinn, so als würde er über das gerade gehörte ernsthaft nachdenken. Ein ungewollt ulkiger Typ, den ich schnell sehr ins Herz schließe.
Andrew ist meine Bezugsperson. Wir kümmern uns um einander, helfen uns gegenseitig beim Betten beziehen und schauen, daß es dem anderen gut geht. Er singt manchmal so ein Lied, und das geht so:

»He holds the lantern while his mother cuts the wood! He holds the lantern and he does it really good.» (Er hält die Laterne, während seine Mutter das Holz hackt. Er hält die Laterne, das kann er wirklich gut). Er bezieht dieses Lied auf sich und sagt, er sei derjenige, der die Laterne hält. Ich wünsche ihm, daß er auf dem Camino lernt zu erkennen, daß er auch Holz hacken kann.

Zusammen gehen wir was trinken und schlendern anschließend durch die Altstadt, wo wir uns Eis schleckend auf eine Bank setzen. Ich genieße den Moment, und manchmal lausche ich nur der Unterhaltung. Dabei schaue ich lächelnd in die Runde, weil sie alle durcheinander reden und ich nichts anderes höre als Yeeeeeh, Interesting, fucking, I see, interesting, yeeeeeeeh, fucking, fucking, fucking ….
Es ist eine außergewöhnliche Kombination aus Leuten, die alle so unterschiedlich sind und in diesem Moment trotzdem so gleich. Andrew sieht mich einmal mit feuchten Augen selig an und sagt, »Ich möchte nicht, daß das hier vorbei geht«.

Abends rennen wir wie blöd durch die Gegend, weil wir nichts vernünftiges zum Essen finden. Ich verstehe das gar nicht. Gibt es in Spanien nichts anderes als Brot? Es ist nicht zu fassen, aber wir landen am Ende wieder in der Bar, in der wir zuvor saßen. Ich habe beim Anblick der Tapas, beziehungsweise Pintxos (sind am Ende auch Tapas, nur anders angerichtet) keinen Hunger mehr. Ich kriege einfach kein Brot mehr runter. Wie gerne hätte ich jetzt Fischstäbchen mit Gurkensalat und Kartoffelbrei.

Sieht alles lecker aus, aber nur Wochen später mit dem nötigen Abstand

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