Wohin und Warum

»Was ist ihre Motivation den Jakobsweg zu gehen?« werde ich am Ortseingang von Palas de Rei von einer Frau gefragt, die unter einem Holzverschlag steht und Pilgerstempel vergibt. Ich zögere, während ich im Rucksack nach meinem Pilgerpass krame. So ganz weiß ich nicht, was ich sagen soll.
»Ich suche Antworten auf einige Fragen und noch ein paar andere Dinge«, fällt mir spontan ein, und sie ist bestimmt die häufigste Antwort von allen. Dabei entspricht das gar nicht der Wahrheit, aber ich habe mich in dem Moment irgendwie geschämt zu sagen, dass ich ursprünglich nur wandern und zelten wollte, den Traum von Abenteuer und Romantik leben, und dass ich den Jakobsweg nur gewählt habe, um Freunde und Familie zu beruhigen. Alleine als Frau unterwegs? Nicht dein Ernst! Mit Rucksack und Zelt? Ach du meine Güte! Draußen schlafen? Um Gottes Willen!

Schliesslich habe ich mich für den Jakobsweg entschieden, und zwar für den rund 800 Kilometer langen Camino Francés, der wahrscheinlich beliebtesten und meist gegangenen Route, denn da wäre ich zur Beruhigung aller garantiert nicht alleine.
Der Camino Francés führt von Saint-Jean-Pied-de-Port in Frankreich über die Pyrenäen durch Navarra, weiter durch das Baskenland, La Rioja, Kantabrien, Asturien und Kastilien-León bis nach Santiago de Compostela in Galizien. Die Strecke umfasst mehrere Klimazonen, aber im Juni sollte es nachts nirgendwo so kalt werden, daß ich in meinem Zelt frieren würde. Natürlich könnte ich da auch in den zahlreich verfügbaren Herbergen  schlafen, aber das möchte ich ja eben nicht. Ich möchte zelten. Und ich habe noch ein ganzes Jahr Zeit um zu planen und mich mental darauf vorzubereiten. 

Meinen Rucksack habe ich ein halbes Jahr vorher bis auf ein paar Kleinigkeiten bereits fertig gepackt, wirklich Probegelaufen bin ich damit allerdings nie. Das gute Stück wiegt laut meiner Personenwaage neun Kilogramm, demnach werden elf bis zwölf Kilo schnell erreicht sein, wenn noch Wasser und Proviant dazukommen. Was das Wandern generell angeht, da bin ich fit. Meine Wanderschuhe habe ich auch schon so einige lange Touren getragen, da mache ich mir wenig Sorgen. Allerdings bin ich tatsächlich noch nie mit so viel Gepäck auf dem Rücken unterwegs gewesen, und schon gar nicht für Strecken von mindestens zwanzig Kilometer jeden Tag über mehrere Wochen. Der Inhalt meines Rucksacks wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit im Laufe der Zeit immer wieder mal verändern, zunächst aber umfasst er all die Dinge, die ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen kann je zu entbehren.

Also, ich zähle auf:

Zelt, Daunenschlafsack, Isomatte (leicht gekürzt zur Gewichtsreduzierung), Regenponcho, Sandalen, faltbare Schüssel, zwei kleine Gaskartuschen, Mini-Kocher, Titan Topf, Drei-Liter Wasserbeutel, Waschlappen als Handtuchersatz, Waschzeug und Cremes (alles in Mini Dosen abgefüllt), Reiseapotheke und Pflaster, Sonnenhut, faltbarer Trinkbecher und Tagesrucksack für Stadtbesichtigungen am Nachmittag, Bauchbeutel für Wertsachen, Sportuhr, Powerbank, mp3-Player, Schnüre, Zeckenzange, Trillerpfeife, Taschenmesser, Kopflampe, Ohrstöpsel, Wäscheklammern, kleine Karabiner um Sachen am Rucksack befestigen zu können, Tagebuch und Bleistift, eine Tüte mit Kaffeepulver, Teebeuteln, Zucker und Milchpulver und schließlich meine Jakobsmuschel, das Symbol des Weges, die an den Rucksack gehängt wird. An Kleidung nehme ich lediglich eine lange Wollhose mit und eine kurze dünne Wanderhose. Ausserdem zwei T-Shirts, eine sehr dünne und federleichte Leinenbluse, eine leichte Windjacke und einen Fleece Pulli. Unterwäsche reicht in zweifacher Ausführung, was nicht gerade getragen wird, trocknet frisch gewaschen am Rucksack.

Regenhose und Trinkflasche habe ich am Ende doch weg gelassen. Die Beine können ruhig nass werden, und eine normale PET Flasche wiegt weniger. Jedes Gramm zählt! Ich habe sogar meinen Kamm abgesägt und den Stiel meiner Zahnbürste abgebrochen. Ob das am Ende was bringt, sei mal dahingestellt.

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