Melide – O Pedrouzo

Tag 34, 11. Juli 2023

Irgendwann merke ich, daß Giuseppe herum kramt und denke mir, na gut, dann nehme ich meine Ohrstöpsel mal raus, denn dann wird auch gleich mein Wecker klingeln. Als ich das tue, ist selbiger bereits im vollen Gange, und es schallt Vicky Leandros‘ »Guten Morgen Sonnenschein« seit sage und schreibe sechs Minuten durch den Raum! Der arme Giuseppe. Hat wohl verschlafen, weil er immer noch da ist. Faszinierend, wie lange er das Gedudel ausgehalten hat. Ich an seiner Stelle hätte mir Sorgen gemacht und versucht mich wach zu rütteln, schließlich hätte ich ja auch gestorben sein können.

Wie recht der Pilgerführer doch hat. Der Weg ist ab jetzt völlig anders und überlaufen mit Pilgern. Einmal steht da mitten im Wald ein Verkaufsstand mit Armbändern und Tüchern und anderen Souvenirs vom Jakobsweg, und etwas weiter stoße ich auf einige Kurzhöschen- und Cropt-Shirt Wochenendpilger mit Tagesrucksack, leicht zu erkennen an ihrer schneeweißen Haut und den Selfie-Sticks, die sie bei sich haben. Später bleibt eine Gruppe von Jugendlichen auf einem schmalen Überweg über dem Fluß stehen um ein Selfie nach dem anderen zu machen, ungerührt der Tatsache, daß sich hinter ihnen eine Schlange von Leuten bildet, die auch über den Fluß wollen. Teilweise tragen sie große Plastikfußbälle mit sich, um gegebenenfalls etwas Ball spielen zu können. Für sie ist das alles hier ein großer Wochenendspaß, was natürlich völlig in Ordnung ist, aber mich nervt es halt. Es ist, als wäre ich vom Pfad abgekommen und befände mich in einer Art Freizeitpark. Dieses letzte Teilstück des Weges mit all seinem Kommerz und der Gewissheit, daß es nicht mehr so sein wird wie es war, trifft mich schließlich wie ein Hammer. Ich muß andauernd weinen, kann das gar nicht vermeiden. Wie im Vorspann einer Seifenoper, in dem die Gesichter der Hauptdarsteller nacheinander eingeblendet werden, sehe ich abwechselnd die Leute vor mir, denen ich auf diesem Weg begegnet bin. Schemenhaft tauchen sie auf, teilweise schon etwas verblasst, weil zwischendurch schon wieder so viel passiert ist, aber je länger ich an sie denke, desto lebendiger werden sie. Ich sehe Andrew am Bahnhof in Bayonne, wie er breit grinsend vor mir steht, »yeeeeh« sagt und mir stolz erzählt, daß er es ganz allein bis hier hin geschafft hat. Ich sehe Flo in seiner braunen Kutte. Hat er wohl, wie so oft, noch mal den Bus genommen und ist vielleicht längst in Santiago? Dann taucht das Bild des kleinen Roli mit seinen neuen Sandalen auf, dann sehe ich Justin mit seiner Gitarre. Hannah, wie sie mir eine Tüte mit Fruchtgummi entgegen hält, weil ich so erschöpft unter einer Brücke sitze. Sogar den tollpatschigen Michael, der am liebsten den Jakobsweg wegen seiner nicht ausgebauten Wege verklagt hätte, sehe ich vor mir. Und was wohl aus Zahnspangen-Richard geworden ist? Ob er mir dicht auf den Fersen ist? Manfred, wie er beim Gehen mit den Armen wedelt, weil er vor Schmerzen kaum auftreten kann, und mein lieber Lukasz und sein »Interesting«. Andreas, wie er mit dem Kopf schüttelt und alles irgendwie doof findet. Oder Faulzahn Nicola und sein französisches Harem. Die liebe Sythia, die ich gerne besser kennen gelernt hätte und natürlich Aki, die ich wahrscheinlich nicht wieder sehen werde, weil sie noch zwei oder drei Tagesetappen hinter mir ist. 

Ich wische mir gerade mal wieder die Tränen aus den Augen, als sich mir ein Pilger aus entgegengesetzter Richtung nähert. Er lächelt mich an, und er kommt mir bekannt vor, aber ich weiß nicht, wo ich ihn einordnen soll. Er spricht mich mit stark französischem Akzent an, sagt, daß er bereits in Santiago war und nun den ganzen Weg wieder zurück läuft. Das könnte ich nicht. Da würde ich ja immer alleine sein, weil jeder den ich unterwegs kennenlerne in die andere Richtung weiter geht. Außerdem wäre das für mich so, als hätte ich etwas erschaffen, das ich hinterher wieder zerstöre.
Der Franzose fragt, warum ich nicht noch bis ans »Ende der Welt« laufe, nach Finisterre. Nee, sage ich, keine Zeit, ich muß in ein paar Tagen ja wieder zu Hause sein. Aber er meint, ich könne doch mit dem Bus hinfahren, dann wäre ich in zwei Tagen zurück. Ach nee, lieber die Tage bis Santiago noch etwas ausdehnen, füge ich hinzu und wünsche dem schlaksigen, lebensfrohen Franzosen viel Glück, als er Richtung Osten weiterzieht. Und als er fort ist, fällt mir ein wer er war, und zwar der lustige Typ, der sich vor einigen Wochen an der alten Kirche kurz hinter Villatuerta mit seinem Zelt neben mir niedergelassen und sein Abendbrot mit mir teilen wollte, an dem Abend bevor ich krank wurde. Meine Güte, wie lange das her ist und wie weit schon in den Hintergrund geraten. Damals hätte ich am liebsten alles hingeschmissen, so mies habe ich mich gefühlt. Ich bin so froh, daß ich nicht aufgegeben habe.

A Fonte Prata

Für heute Nacht habe ich mir eine Herberge in As Quintás ausgesucht. Hier komme ich schon um halb zwei an, viel zu früh wie sich heraus stellt. Das kleine am Waldrand gelegene Haus ist noch geschlossen, aber das Gartentor ist offen. Der Garten selbst wirkt eher verwahrlost und ist ziemlich dunkel. Ein kleiner Hund erwacht aus seinem Schlaf und kommt müde auf mich zu, als ich mich dort auf eine Bank setze. Eine Weile genießt er meine Streicheleinheiten, dann legt er sich wieder hin und döst weiter. Als nächstes kommt eine Katze, trinkt aus einem Regenfass und trottet auch wieder davon. Ist hier sonst niemand? Wirklich einladend sieht der Ort für mich nicht aus, irgendwie habe ich ihn mir anders vorgestellt, zumal die Bewertungen durchweg positiv sind. Ich bin ein wenig enttäuscht und eigentlich auch noch gar nicht bereit meine Schuhe schon in die Ecke zu stellen für heute. Und als ich da so sitze und warte, daß irgendwas passiert, muß ich nochmal an den Franzosen denken. Ihn hatte ich völlig verdrängt bei meinem melancholischen Rückblick, und da kommt er mir plötzlich entgegen, als wolle er sagen, hey, ich gehöre doch auch noch dazu. Und er erwähnt Finisterre. Das sollte wohl so sein, denn er hat etwas in mir geweckt, das mich gedanklich nicht mehr ganz los lässt. Für viele Pilger ist das Kap de Finisterre das eigentliche Ende des Jakobswegs, und es dauert nochmal etwa drei Tage Fußweg ab Santiago de Compostela bis dorthin, aber mit dem Bus erreicht man den Ort bereits in drei Stunden. Vielleicht wäre das ein guter Abschluss für meinen Jakobsweg.

Nach zehn Minuten auf dieser Bank beschließe ich einfach weiter zu gehen. Meinen Füßen geht es gut, und wer weiß, wenn ich heute noch weit komme, vielleicht erreiche ich morgen schon Santiago und fahre tatsächlich noch mit dem Bus nach Finisterre. Ich bin plötzlich ganz aufgeregt und glücklich über meine Entscheidung einfach weiter zu gehen. Ich texte umgehend Angela um sie zu fragen wo sie bereits ist, denn vielleicht ist sie ja im nächsten Ort. Leider ist sie schon fünfzehn Kilometer entfernt und will sogar heute noch weiter, so daß sie morgen in Santiago ankommt. Der Gedanke auch morgen anzukommen, gefällt mir und spornt mich gerade so richtig an. Ich möchte nur noch laufen, laufen, laufen. Wo ich heute Nacht allerdings bleiben werde steht in den Sternen. Vielleicht schlafe ich ja im Wald, so wie Angela vor zwei Nächten. Sie sagt es sei zwar sehr kalt aber auch sehr schön gewesen. Irgendwie typisch für sie. Ich glaube, mir würde das heute auch Spaß machen, einfach im Schutz der Bäume auf weichem Moos gebettet die Nacht zu verbringen. Aber was ist, wenn ich friere? Nachts frieren ist für mich mit das Schlimmste. Ich habe wahnsinnige Lust auf dieses Abenteuer, weiß aber auch, daß ich kein Auge zu machen würde, sollte ich frieren. Schließlich kapituliere ich, hole mein Handy hervor und buche ein Zimmer in einer Pension im vier Kilometer entfernten O Pedrouzo. 

Nach etwa 30 km Fußmarsch gönne ich mir dann eine Portion Spaghetti in einem Lokal. Ich habe noch gar nicht aufgegessen, als der Wirt kommt und mir sagt, daß sie jetzt schließen wollen. Mit vollen Backen schaue ich ihn starr an, stehe aber direkt auf, schaufele noch ein paar Bissen in den Mund und bezahle kauend mein Mahl an der Theke. Ich bin eh satt und möchte schnell weiter, denn ich kann in dieser Pension nur bis achtzehn Uhr einchecken, und jetzt ist es schon fünf. Was das mit der Uhrzeit allerdings auf sich hat frage ich mich, als ich ankomme, denn die Pension ist gleichzeitig eine gut besuchte Kneipe. Kaum anzunehmen, daß hier in ein paar Minuten abgeschlossen wird. Die Wirtin versteht mich überhaupt nicht und ignoriert mich infolgedessen gekonnt, indem sie mich einfach stehen lässt und ihre Gäste weiter bedient. Erst als ich ihr meine Buchungsbestätigung zeige wird sie wieder freundlich und führt mich zu meinem Zimmer. Zunächst bin ich geschockt, weil ich denke, ich habe kein Fenster. Da ist aber doch eins, und zwar an der Zimmerdecke. Durch ein weiteres Oberlicht über der Tür, das auf den Flur gerichtet ist, wirkt der Raum schön hell. Den größten Platz nimmt das Bett ein, aber da mein Schwerpunkt eh das Schlafen ist, macht mir der Streichholzschachtel Effekt nichts aus. Das kleine Bad ist auch sauber, was will ich mehr?

Strecke: 34,1 km / Schritte: 50442

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