Tag 33, 10. Juli 2023
Mittlerweile ist es morgens um sechs Uhr noch stockdunkel. Teilweise benutze ich die Taschenlampe von meinem Handy, um sehen zu können wo ich hin trete. Es ist auch ein bisschen gruselig, muß ich zugeben, wobei, wild lebende Hunde gibt es ja hier nicht mehr, wovor soll ich mich also fürchten?
Auf einer Anhöhe darf ich dann als Belohnung einen wunderschönen Sonnenaufgang erleben.

Unterwegs kaufe ich mir nach langer Zeit mal wieder ein Bocadillo mit Schinken. Hab die Sache mit dem Öl völlig vergessen. Jetzt sitze ich hier vor einem riesigen zähen Brotknüppel, von dem ich kaum abbeißen kann und der überhaupt nicht lecker ist. Hungrig wie ich bin, schaffe ich dennoch die Hälfte und verstaue den Rest als Notration in meinen Futterbeutel.
Bis nach Melide sind es 31 Kilometer. Es läuft sich eigentlich ganz leicht heute, ich mache viel Rast in verschiedenen Cafés auf dem Weg, trotzdem beginnt nach etwa 24 Kilometer mein linker Fuß stark weh zu tun, so ganz anders als sonst. Diesmal sind es nicht die Fußsohlen, sondern der Knöchel. Leider gibt es keine Herberge mehr vor Melide, und für eine teure Pension bin ich zu geizig, also Augen zu und durch.
„Solo para clientes“
Kurz vor der Stadt, ich komme gerade aus dem Wald heraus, steht auf der linken Seite ein altes Haus. Auf einem Schild wird für irgendein Bier geworben, wahrscheinlich ein Restaurant, aber es sieht geschlossen aus. Die wenigen Stühle vor der Tür sind leer und stehen etwas unorganisiert herum. Ich setze mich kurz auf einen der Stühle um meinen Knöchel anzusehen und ziehe meine Socke aus. Da kommt eine rustikale Frau im Kittel aus der Tür heraus und sagt tatsächlich zu mir, ich dürfe da nicht sitzen, das sei nur für Kundschaft. Verdutzt deute ich auf meinen Fuß und erkläre, daß ich verletzt sei, doch die Kittelschürzenfrau wiederholt unberührt »Solo para clientes!«, geht weiter zum Müllcontainer und beachtet mich nicht weiter. Ich bin schockiert über so viel Empathielosigkeit und raffe irritiert mein Zeug zusammen. Mit meinem Schuh in der einen und der Socke in der anderen Hand humpele ich barfuß von den Stühlen weg, dabei werfe ich der Frau bitterböse Blicke zu, als sie vom Müllcontainer zurück kommt. Stört sie gar nicht. Oh, ich bin wütend. Wie kann die mich weg jagen? Ich könnte genau so gut ernsthaft verletzt sein. Wahrscheinlich hätte ich sogar was zu trinken bestellt, hätte sie mich nur gefragt. Aber ich glaube an Karma, das beruhigt mich irgendwie. Nur schade, daß ich nicht dabei sein werde, wenn es passiert.

Ich muß noch ein ganzes Stück laufen, um in die Neustadt zu gelangen, wo die ganzen Herbergen sein sollen. Dort angekommen, erlebe ich auch mal wieder die unschöne Seite des Jakobswegs. Es ist genau wie Angela gesagt hat, weshalb sie weiter gelaufen ist, nämlich daß es heiß und laut ist, die Straßen voller Autos und LKW und sich auf den Gehwegen Menschen ohne Ende tummeln.
Ich trotte die staubige Hauptstraße entlang und möchte eigentlich einfach nur irgendein Bett haben, auf dem ich mich ausruhen und meinen Fuß hochlegen kann. Erschöpft setze ich mich auf den Randstein eines Blumenbeetes direkt neben einer viel befahrenen Kreuzung und suche in meiner App nach einer Herberge etwas außerhalb dieser Stadt. Wenn ich mich zusammenreiße und noch ein Stück weiter gehe, kann ich mit etwas Glück in einer unterkommen, die eigentlich ganz gute Rezessionen hat. Aber soll ich wirklich noch weiter? Ich könnte doch auch sicherlich ein Bett irgendwo in unmittelbarer Nähe finden. Aber weiter weg von hier ist es bestimmt viel angenehmer?!
Meine Unschlüssigkeit und die Tatsache, daß ich mich eigentlich überhaupt nicht mehr bewegen möchte, bereiten mir gerade so richtig Stress. Am liebsten möchte ich die Randsteine umschmeißen und das ganze Blumenbeet zerrupfen, so unzufrieden bin ich. Die Begegnung mit der Kittelschürzenfrau an dem Möchtegern-Restaurant hat mich völlig aus der Bahn geworfen. Dann dieser laute Verkehr hier, und zu essen habe ich auch nichts mehr.
Du wirst doch nicht so kurz vor Santiago die Nerven verlieren? Jetzt reiß dich am Riemen und steh auf. Du hattest schon größere Schmerzen auf diesem Weg, und so tragisch war das mit der Kittelschürzenfrau auch nicht, sagt eine innere Stimme.
Doch, war es! Man jagt mich nicht weg wie einen räudigen Hund. Ich bin eine Frau über fünfzig, die nach dreißig Kilometer zu Fuß Schmerzen im selbigen hat, und es eben jener doch wohl erlaubt sein sollte sich kurz nieder zu lassen ob der Qual!
Als ich fertig bin mit meinem Selbstmitleid stehe ich entschlossen auf und steuere den nächsten Supermarkt an, um mir Nahrung zu verschaffen und mache mich anschließend auf den Weg zu dieser Herberge weiter außerhalb. Und was soll ich sagen? Jeglicher Verdruss ist verflogen, als die sehr nette Rezeptionistin zu mir sagt, ja, sie habe noch ein Bett für mich frei, würde mir aber einen Euro mehr berechnen, weil ich in einem besseren Zimmer untergebracht sei mit fünf Einzel- statt Stockbetten und welches ich sehr wahrscheinlich sogar für mich alleine haben werde, weil sie nicht glaubt, daß nach mir noch einer kommt.
Ich möchte sie umarmen, so froh und dankbar bin ich. Ein ruhiges Zimmer für mich allein und ohne irgendwelche Sprossen hoch klettern zu müssen, ein Traum.
Angela textet mir folgende Zeilen, als ich nach dem Duschen erschöpft und müde auf meinem Bett liege:
»Wo bist du? Ich sitze auf einer Wiese fünf Kilometer nach Melide in einer seltsamen Mischung aus Glück und Traurigkeit.«
Ich weiß genau, was Angela meint, und es geht mir nicht viel anders. Einerseits bin ich froh es so weit geschafft zu haben mit der starken Vermutung den Rest jetzt auch noch zu schaffen, andererseits möchte ich nicht, daß es vorbei geht. Für Angela müssen die letzten Etappen noch emotionaler sein, zumal sie schon einen Monat länger unterwegs ist als ich. Schade, sie ist mir nur fünf Kilometer voraus. Gerne würde ich jetzt mit ihr auf dieser Wiese sitzen. Hoffentlich läuft sie mir nicht davon, und ich sehe sie nicht wieder.
Was meine vermeintlichen Mückenstiche angeht, da bin ich mir mittlerweile ziemlich sicher, daß es Bettwanzen oder Flöhe waren, oder gleich beides. Teilweise sind die Bisse dicht nebeneinander oder auch in Dreiecksform angeordnet und befinden sich an Stellen, wo eigentlich keine Mücke hin kommt. Was mache ich aber, wenn die Viecher in Barbadelo in meinen Rucksack gekrabbelt sind? Das würde ja heißen, ich nehme sie mit nach Hause!? Ich lese also über Bettwanzen und all das Drumherum und bin froh einen leeren Gefrierschrank im Keller zu haben. Darin werde ich nach Ankunft meinen Rucksack so wie er ist für ein paar Wochen einfrieren und so hoffentlich vermeintlich ungewolltes Souvenir vernichten.
Da geht die Tür auf, und ich bekomme doch noch Gesellschaft von einem jungen Italiener mit strahlend blauen Augen namens Guiseppe. Ein wahrlich hübscher Kerl. Er trägt einem rosa Strohhut und hat zwei dicke Stöcke aus dem Wald bei sich, die ihm als Wanderhilfe dienen. Sein Knie ist entzündet und mit einer dicken Kompressionsbinde umwickelt. Wir wechseln nur ein paar Worte miteinander, denn Guiseppe möchte nochmal los um was zum Essen zu finden. Und weil er erwähnt, daß er morgen um sechs Uhr aufstehen möchte, stelle ich meinen Wecker für halb sieben, so daß ich mich in Ruhe fertig machen kann, wenn er bereits weg ist. Mit meinen Ohrstöpseln schlafe ich tief und fest und kriege nicht mit, als Guiseppe zurück kommt.
Strecke: 32,3 km / Schritte: 48176


