O Pedrouzo – Santiago de Compostela

Tag 35, 12. Juli 2023

Ich laufe durch die Dunkelheit. Es sind nur noch neunzehn Kilometer bis Santiago de Compostela, ein großer Tag. Ausgerechnet jetzt muss ich direkt zu Beginn durch einen Wald. Der Schein meiner Kopflampe leuchtet nur einen kleinen Radius des Bodens vor mir ab, ansonsten sehe ich die Hand vor Augen nicht. Erfreulicherweise gehen etwa hundert Meter weiter zwei Pilger, dessen Lichtkegel ihrer Taschenlampen mich erahnen lassen wie der Weg verläuft.

Es ist seltsam, heute bin ich weder wehmütig noch traurig, ich will einfach nur noch ankommen. Zur Feier des Tages beginnt es auch noch zu regnen, und es sieht nicht so aus als würde es jemals wieder aufhören. Zweimal kehre ich ein um etwas zu trinken und zu essen und mir meine Stempel abzuholen, ansonsten laufe ich weiter. Mein Kopf ist wie vernebelt. Ich kann einfach nicht glauben, daß mein großes Abenteuer heute enden soll. 
Schließlich erreiche ich die ersten Ausläufer von Santiago de Compostela. Die Menschen werden mehr, trotz des Regens, Pilger hingegen sehe ich immer weniger, und auch Wegweiser und gelbe Pfeile gibt es kaum noch. Aber dann erkenne ich den ersten Turm der Kathedrale über die nassen Hausdächer heraus ragen. Ich bin immer noch nicht emotional.

Ich vernehme Dudelsack Musik. Da vorne muss der Plaza del Obradoiro sein, der große Platz vor der Kathedrale. Ich bin da! 

Kurz bevor ich aber auf dem Platz einlaufen und den Moment in mich aufsaugen kann, sehe ich Vadim. Er muß unmittelbar vor mir angekommen sein, denn ich erkenne Angela, wie sie auf ihn zu geht um ihn offenbar zu begrüßen, doch Vadims Gestik verrät, daß ihm alles andere als reden zumute ist, denn er rudert sich regelrecht mit den Armen frei und will scheinbar nur auf dem Platz ankommen. »Ich kann nicht, ich kann nicht!« soll er unter Schluchzen gesagt haben. 
Angela sieht jetzt auch mich und kommt lächelnd auf mich zu. Prompt steht auch der wedelnde Manfred vor mir, aber ich ignoriere ihn ungewollt, zu viel prescht gerade auf mich ein. Ich möchte erst offiziell auf dem Platz ankommen, das obligatorische Foto mit dem Motiv »Stolzer-Pilger-nach-Ankunft-mit-Kathedrale-im-Hintergrund« machen und begreifen, daß ich es geschafft habe und der Weg hier und jetzt zu Ende ist.

Es ist 10:20 Uhr, als eine junge Deutsche für mich das Foto von mir in meinem gelben Mickey Mouse Poncho vor der berühmten Kathedrale von Santiago de Compostela macht. Der Platz wirkt zu dieser frühen Stunde und aufgrund des schlechten Wetters wie leer gefegt. Erst viel später kommen immer mehr Pilger dazu. Sie lachen, weinen, knien nieder, sei es aus Demut oder weil sie erschöpft sind oder beides, sie beten, sie fallen sich in die Arme oder stehen einfach nur da und schauen in die Richtung der Kathedrale. Letzteres trifft auf mich zu. Ich bin glücklich und stolz, aber auch extrem wehmütig. Gleichzeitig freue ich mich auf die nächsten paar Tage, in denen ich hoffentlich das ein oder andere bekannte Gesicht wiedersehen werde.

Ich erspare dem Leser die Prozedur, die jeder Pilger ab hier durchlaufen muß, der seine Compostela erhalten möchte. Ich wette, einem Vadim ist dieses Dokument ziemlich egal, bestimmt hat unterwegs er erst gar keine Stempel gesammelt.
Nur so kurz: Ich registriere mich im Pilgerbüro an einem Computer und werde direkt von einem netten Mann empfangen, der mir handschüttelnd gratuliert und mir besagte Urkunde ausstellt, nachdem er sich meine Stempel genauestens angesehen und mir so einige Fragen gestellt hat. 
Um 12:00 Uhr besuche ich mit Angela die Pilgermesse in der Kathedrale. Schon beim Einlass erspähe ich den »Botafumeiru«, das berühmte und größte Weihrauchfass der Welt, welches besonders bei festlichen Gottesdiensten an bestimmten Feiertagen zum Einsatz kommt, aber auch wenn Gruppen von Pilgern oder andere Besucher bereit für eine Spende in Höhe von rund 500 Euro sind.
Der 1,50 Meter hohe Botafumeiru, zu Deutsch Rauchspender, ist um die 80 Kilogramm schwer, wovon Kohle und Weihrauch allein 40 Kilo wiegen. Um das Fass in Schwung zu bringen, ziehen acht Männer, die sogenannten »Tiraboleiros«, mit vollen Kräften an einem 28 Meter langen, an der Decke des Querschiffs hängendem Seil. Dabei kann das Fass eine Geschwindigkeit von bis zu 70 Kilometern pro Stunde erreichen und in 20 Metern Höhe durch die Kathedrale schwingen. Die Tradition reicht bis ins Mittelalter zurück. Es wird gemunkelt, daß der Weihrauch ursprünglich dazu diente, den unangenehmen Geruch der Pilger zu überdecken, die nach Santiago kamen. Letztendlich war es aber wohl immer schon die symbolische Bedeutung, die der Weihrauch auch heute noch im Christentum hat, nämlich die der Gebete, die zu Gott aufsteigen.

Auf auf einer Empore steht ein Solist und gibt seinen sakralen Gesang zum Besten, während im Hintergrund die aus dem 13. Jahrhundert stammende vergoldete Statue des heiligen Jakobus über dem Hochaltar im Sekundentakt von Pilgern und anderen Besuchern umarmt und geküsst wird. Die Pilger bedanken sich mit dieser Tradition für eine erfolgreiche Pilgerreise oder um Segen zu erbitten, alle anderen Besucher tun es ihnen nach. Der Überlieferung nach befindet sich unterhalb der Statue die Krypta mit den Überresten des Apostels sowie die seiner Jünger Athanasius und Theodoros.

Natürlich ist die Messe auf Spanisch, und ich verstehe kein Wort. Trotzdem ist es wunderschön. Ich empfange sogar die heilige Kommunion, das habe ich schon ewig nicht mehr gemacht. Und dann passiert etwas, womit wohl keiner gerechnet hat. Irgendjemand muß 500 Euro gezahlt haben, denn plötzlich wird der Botafumeiru herunter gelassen und die Tiraboleiros machen sich daran, das Weihrauchfass in Schwingung zu bringen. Schnell erreicht es an Höhe und schwingt schließlich durch das Seitenschiff, majestätisch und prunkvoll, untermalt mit dramatischer Kirchenmusik. Das alles ist sehr bewegend und ein besonderer Moment mehr, den ich augenblicklich gerne mit allen Menschen dieser Welt teilen würde. 

Der Botafumeiro kommt zum Einsatz

Ich denke, ich bin jetzt an einem Punkt angelangt, an dem ich kein Tagebuch in dem Sinne mehr schreiben möchte. Ich habe erreicht was ich erreichen wollte, alles weitere ist eher zweitrangig, wenn auch wichtig, nämlich eine Vielzahl meiner Camino Begegnungen noch einmal zu sehen, allen vorweg natürlich Andrew. Und als ich mich so frage ob mir das wohl gelingt, springt er mich förmlich von hinten an und grinst so breit wie vor fünf Wochen, als er mir zum ersten Mal am Bahnhof in Bayonne begegnet. Jetzt ist alles gut, denke ich, jetzt kann ich nach Hause fahren. Ich treffe auch auf Holly aus Leeds, die ich tot glaubte nach dem Gewitter in Atapuerca. Später werde ich dann auch noch Flo wiedersehen, sowie Aki, Roly und Lukasz.

Ich verbringe die Nacht mit Angela in einem schönen Hotel direkt in der Altstadt.

Strecke: 19,5 km / Schritte: 36363

Die Tage danach

Am nächsten Morgen fahre ich mit dem Bus in die neunzig Kilometer entfernte kleine Küstenstadt Finisterra, dem sogenannten Ende der Welt. Ich bin sehr emotional und weine viel. Es ist der Abschied von Andrew und Angela und dem Jakobsweg. Ich weiß gar nicht wie ich wieder in die Realität finden soll. Die Alltagsrealität meine ich. Das hier ist ja auch real, aber dann irgendwie auch nicht. 

Ich telefoniere mit David, der mir traurig erzählt, daß sein Morris 1000 auf der Autobahn verreckt ist und er deshalb eine Hochzeitsfahrt nicht umsetzen konnte, für die er vor langer Zeit gebucht wurde. Nur aus diesem Grund konnte er nicht in Santiago sein, um mich zu empfangen, was mich zunächst traurig machte. Im Nachhinein, mal abgesehen von dem materiellen Schaden des Oldtimers, war es gut, dass David nicht da war. Er hätte nicht in diesen Moment gepasst und mich zu prompt in meine wirkliche Welt zurück geholt.

Am Tag meiner Heimreise fühle ich mich unendlich fremd am Flughafen in Santiago de Compostela. Ich sitze am Gate und bin noch längst nicht an dem Punkt, an dem ich realisiere was ich gerade erlebt habe. Ich frage mich, ob diese Reise etwas in mir verändert hat, aber das werde ich wohl erst viel später wissen. Im Augenblick wüsste ich jedenfalls nichts was mir auf dem Weg klar geworden sein sollte, das mir vorher noch nicht klar war. Aber an das Gefühl, das ich in mir habe wenn ich mir mein vollendetes Mosaik anschaue, so bunt und prachtvoll, so schwerelos und frei, werde ich mich mein Leben lang erinnern.

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