Tag 11, 18. Juni 2023
Ich verlasse Logroño gegen sechs Uhr. Bis in die frühen Morgenstunden hat es gewittert, ich weiß nicht, wie es mir im Zelt ergangen wäre. Und wie auch zuvor in Pamplona, hängen überall in der Stadt noch Leute von gestern Abend herum, einige sind immer noch im Partymodus. Die ganze Nacht konnte ich ihr lautes Grölen hören, manchmal direkt vor dem offenen Fenster. Also entweder ist in Spanien jedes Wochenende ein Feiertag oder man feiert grundsätzlich jedes Wochenende. Seltsamerweise bin ich auch jedes Mal in einer größeren Stadt, wenn gerade Wochenende ist.
Mein Rucksack fühlt sich heute mal wieder außerordentlich schwer an. Von wegen, es wird nach einer Woche auf dem Camino leichter. Ich überlege ernsthaft mein Zelt nach Hause zu schicken, unter anderem den dicken Schlafsack und meine Wanderschuhe. Stattdessen würde ich mir Trail Running Schuhe kaufen, womit die meisten hier rumlaufen, und obendrein einen leichten Hüttenschlafsack und dann nur noch in den Herbergen schlafen. Dabei möchte ich doch so gerne zelten! Ich bin doch ein Zeltwanderer, der das Abenteuer sucht! Daß sich was ändern muß ist mir klar, denn so wie jetzt ist alles eher eine Quälerei statt Spaß, was also tun?
An einer Weg Kreuzung mache ich schließlich kurzen Prozess und schmeiße meine beiden Gas Kartuschen weg, außerdem meine Pipiflasche, zwei Tütensuppen, die auch zusammen relativ viel Gewicht haben, meinen Kaffe und die Tee-, Milch- und Zuckersammlung. Ich erkenne jetzt, daß Luxus hier nicht funktioniert und nur belastend ist. Kaffee am Morgen zum Beispiel ist Luxus. Hier geht es darum den Weg zu schaffen, und das geht nur mit minimal Gewicht. Ich leide ohne Kaffee, aber es geht. Ich kann zehn Kilometer ohne den ersten Kaffee gehen, aber ich kann keine zehn Kilometer mit kaputten Füßen gehen. Und je schneller ich bin durch weniger Gewicht, umso eher komme ich an meinen Kaffee an irgendeiner geöffneten Bar.
Hinter einem See kurz vor La Grajera treffe ich auf einen alten Mann mit weißem langen Bart, der in einem Verkaufsstand sitzt, Stempel vergibt und Pilgerstäbe und Jakobsmuscheln verkauft, sowie Kekse und Nüsse. Er ist eine weitere Legende auf dem Jakobsweg, sein Name ist Marcelino Lobato Castrillo. Seit den frühen Siebzigern pilgert er den Camino rauf und runter, sein Foto hängt in vielen Bars entlang des Weges.

Als ich gerade meinen Pilgerpass zurück in den Rucksack stecke, kommt mein Kirchenschläfer Freund Vadim an, der mir in Villatuerta von seinem Essen und Kakao abgegeben hat an dem Abend, bevor ich krank wurde. Er erinnert sich dann auch an mich, als ich ihm auf die Sprünge helfe und bedankt sich überschwänglich für das Käsebrot, das ich ihm da gelassen hatte. Das habe ihm so gut geschmeckt, wo er doch Vegetarier sei. Ich glaube fast, er kann sich frisches Essen gar nicht leisten und ernährt sich ausschließlich von Sachen aus dem Supermarkt. Vadim erzählt, daß er letzte Nacht in Logrońo auf dem Spielplatz in einem überdachten Klettergerüst geschlafen hat. Und das bei Gewitter!
Alles ändert sich in Navarrete
Gerne würde ich etwas neues über meine Füße schreiben, doch leider schmerzen sie heute wieder außerordentlich erbärmlich. In Navarrete ziehe ich dann einfach meine Schuhe aus und beschließe sie nie mehr anzuziehen, jedenfalls nicht mehr auf diesem Weg. Ich werde einfach in meinen Sandalen weiter gehen. Ein Schuhgeschäft und ein Postamt kämen mir jetzt sehr recht. Dann fällt mir ein, es ist Sonntag, und obwohl ein Postamt um die Ecke ist, ist es natürlich geschlossen. Und ich frage mich, ist es überhaupt notwendig andere Schuhe als die Sandalen zu tragen? Zumindest für eine Weile? Ich fühle mich plötzlich sehr motiviert mit dem Gedanken weiteren Ballast abzuwerfen. Meine Füße atmen auf in den Sandalen, denn sie können sich jetzt in alle Richtungen ausbreiten beim Gehen. Es ist fast so, als würde ich über den Boden gleiten, ich könnte quieken vor Glück! Morgen gehe ich in jedem Fall zum Postamt und schicke meine Wanderschuhe nach Hause, und meinen Minikocher und den Becher brauche ich jetzt auch nicht mehr, der kann gleich mit. Und wer weiß, vielleicht komme ich sogar noch an einem Sportgeschäft vorbei und kann mir einen leichten Hüttenschlafsack kaufen, dann geht nämlich der dicke Schlafsack auch mit nach Hause. All diese Gedanken pushen mich dermaßen, und ich weiß, ich mache genau das richtige. Just in dem Moment, als ich über all das nachdenke, sitzt da Vadim an eine Friedhofsmauer gelehnt und futtert seinen Proviant aus einer Plastiktüte. Ich winke ihm im Vorbeigehen zu, da will er mir schon wieder was von seinem Essen abgeben. Er ist einer der wenigen Menschen, die ich bisher getroffen habe, von denen ich mehr erfahren möchte. Ich wünschte, ich würde ihn besser verstehen.
Kurze Zeit später löst sich schon die Sohle von meinen Sandalen, aber das macht mir gar nichts, ich setze mich mitten auf den Weg und repariere sie mit Klebeband. Ein paar Schritte weiter reißt mir dann auch noch die Schnalle von der linken Sandale, aber auch das ist mir egal, denn ich habe noch Klebeband übrig. Und während ich da im Sand sitze in brütender Hitze, vor mich hin singend und mit mir völlig im Reinen, wird mir bewußt, daß ich diesen Weg in jedem Fall zu Ende gehen werde, koste es was es wolle.
Jetzt brauche ich aber wirklich ein Schuhgeschäft.
Ich erreiche Ventosa gegen Mittag und sehe ein Café, in dem es richtiges Essen gibt. Ich bin außer mir vor Freude und kaufe mir eine Cola und eine Pizza mit Gemüse, wegen der Vitamine! Ist zwar nur eine Tiefkühlpizza, aber das ist völlig in Ordnung. Ich fühle mich pudelwohl, befreit und glücklich!
Danach geht es wieder bergauf über viel Geröll, und die Erde wird immer roter. Weit und breit sind nichts als Felder, Bäume, und Sträucher um mich herum, als ich den immer näher kommenden Klang von Musik wahrnehme. Da sitzt doch mitten in der Pampa unter einem Baum ein Musiker mit seiner Gitarre und einer Mundharmonika. Wie surreal. Vor ihm steht ein Hut, ein guter Moment für viele Pilger ihr schweres Kleingeld los zu werden.
Ich rede total viel mit mir selbst heute. Hab sogar schon mit meinen Latschen gesprochen und ihnen erzählt, daß sie in etwa zehn Kilometern ihren Ruhestand feiern dürfen. Ich glaube, man wird etwas sonderbar, wenn man so viel Zeit mit sich selbst verbringt.
Einmal biege ich falsch ab und stehe plötzlich im Matsch vor einem Tunnel unter einer Autobahn. Zu spät merke ich, daß hier auch gar keine Fußspuren oder gelben Pfeile mehr sind. Ich checke die Route über mein Handy und stelle fest, daß ich anderthalb Kilometer vom Weg abgekommen bin. Das ganze jetzt also zurück, und einmal kräftig in die Hände klatschen, herzlichen Glückwunsch zu drei Extra-Kilometern an diesem Tag. Hab dann an der Kreuzung, an der ich hätte links abbiegen sollen, eine Bank entdeckt mit einer gelben Markierung, die ich fälschlicherweise für einen Pfeil geradeaus gehalten habe.


Kurz vor Nájera finde ich einen schattigen Picknickplatz. Ich lege mich für ein Moment auf die Bank in einer kleinen Hütte und ruhe mich aus. Ich bin ziemlich erschöpft und würde am liebsten hier bleiben. Als ich mich aber gerade wieder so langsam aufrichte, sehe ich Flo in seinem braunen Gewand um die Ecke kommen. Ich freue mich riesig ihn zu sehen, und da ich mich auch gerade wieder auf den Weg machen will, laufen wir das letzte Stück in die Stadt zusammen.
Flo entscheidet sich für die erste Herberge, die in Sicht kommt. Schon am Eingang müffelt es nach Zigarettenrauch und abgestandenem Bier, nein danke, ich gehe weiter. Ich habe nämlich in der Camino App gesehen, daß es kurz hinter dem Río Najerilla angeblich eine Herberge gibt, an der man zelten darf.
Schon in der Rezeption besagter Herberge fühle ich mich wohl. Der junge Mann hinter dem Tresen ist ein Franzose mit Rasta Locken und sehr freundlich. Zu meinem Bedauern ist das zelten hier aber nicht möglich, das sei wohl eine Fehlinformation in der App. Ich bin zunächst enttäuscht, dann aber höre ich das Grummeln eines Donners. Es ist zum Verzweifeln, aber in den elf Tagen auf dem Jakobsweg habe ich gerade zwei Mal im Zelt geschlafen. Wie auch immer, diese Herberge ist ein Glücksgriff. Die Zimmer sind sehr sauber und gemütlich, die Stockbetten sind sogar aus Holz. Ich gehe direkt duschen, ganz ohne Stress, weil keiner darauf wartet, daß ich endlich fertig werde. Habe sogar Platz für meine Sachen, unglaublich. Ich fühlte mich wie neugeboren und setze mich draußen vor der Herberge auf eine Bank und mampfe meine restliche Pizza von heute mittag. Nicht weit entfernt sehe ich den Regen auf mich zukommen, der wie lange dunkle Fäden von den Wolken herab bis zum Boden hängt. Erst als das Gewitter richtig los geht, verziehe ich mich nach Innen und bin einmal mehr froh, nicht irgendwo im Wald in meinem Zelt zu sein.

Strecke: 29,1 km / Schritte: 47294







